Glossar für Verteilnetzbetreiber
Der Netzverknüpfungspunkt ist der konkrete elektrische Punkt im Netz, an dem eine Erzeugungsanlage, ein Verbraucher oder eine Einspeisestelle physisch und vertraglich an das bestehende Stromnetz angeschlossen wird.
Er stellt die Schnittstelle zwischen Kundenanlage und Verteilnetz dar und definiert, wo der Netzbetreiber die elektrische Versorgung bzw. Abnahme sicherstellt.
Typische Netzverknüpfungspunkte im Niederspannungsnetz sind:
- Hausanschlusskasten (HAK)
- Zählerschrank oder Hausanschlusssäule
- Übergabeklemme im Verteilerschrank
- Niederspannungs-Schaltfelder in der Ortsnetzstation (bei größeren Anlagen)
In der Mittelspannung können Netzverknüpfungspunkte u. a. sein:
- MS-Schaltfelder
- Übergabestationen
- Kunden-Übergabestationen mit eigener Ortsnetzstation
Technische Hintergründe
Die Festlegung des Netzverknüpfungspunkts folgt technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Kriterien. Dabei stehen insbesondere folgende Aspekte im Fokus:
1. Netzkapazität & Netzverträglichkeit
Der NVP darf nur dort gewählt werden, wo das Netz die zusätzliche Einspeise- oder Lastleistung technisch aufnehmen kann. Dazu zählen:
- ausreichend freie Transformatorleistung
- ausreichende Leiterquerschnitte
- zulässige Spannungsbandhaltung
- keine Gefahr von Überlastungen
Die Netzverträglichkeitsprüfung spielt daher eine zentrale Rolle. Anwendungen wie Anschlussprüfung oder Online Connection Check unterstützen Verteilnetzbetreiber dabei, den geeigneten Netzverknüpfungspunkt automatisiert zu bestimmen.
2. „Nächster geeigneter Netzverknüpfungspunkt“
Nach gesetzlichen Vorgaben (z. B. EEG) muss der Netzbetreiber den nächstgelegenen technisch geeigneten Netzverknüpfungspunkt anbieten.
- Der Punkt muss technisch belastbar sein.
- Ist dies nicht der Fall, kann der NVP in einer höheren Netzebene liegen (z. B. Mittelspannung statt Niederspannung).
3. Unterschied zwischen Anschluss- und Verknüpfungspunkt
Der Anschlusspunkt ist häufig der Ort, an dem die Kundenanlage physisch angeschlossen wird.
Der Verknüpfungspunkt ist der Punkt, an dem die technische Leistungsbewertung erfolgt und der vertraglich relevant ist. Beide Punkte können identisch sein, müssen es jedoch nicht.
4. Bedeutung im Einspeisemanagement
Der Netzverknüpfungspunkt ist der Ort, an dem:
- Einspeisemanagement-Maßnahmen (§13, §14 EnWG, §9 EEG) greifen
- Blindleistungsmanagement ansetzt
- Messstellenbetreiber messen
- Rückwirkungsgrenzen geprüft werden
Relevanz für Verteilnetzbetreiber
Für Verteilnetzbetreiber ist der Netzverknüpfungspunkt ein zentraler Begriff im operativen Tagesgeschäft, da er technische und regulatorische Fragestellungen verbindet.
1. Automatisierte Ermittlung im Massenprozess
Der starke Zubau von PV-Anlagen, Wärmepumpen und Ladepunkten führt zu tausenden Anschlussanfragen. Die Bestimmung des NVP muss daher:
- schnell
- transparent
- standardisiert
- prüfbar
erfolgen. Tools wie Connection Request oder Online Connection Check (OCC) spielen dabei eine Schlüsselrolle, wie zahlreiche Case Studies (z. B. Überlandwerk Mittelbaden, Syna) zeigen.
2. Planungsrelevanz
Der gewählte Netzverknüpfungspunkt bestimmt, welche Netzabschnitte belastet werden und wo potenzielle Engpässe auftreten. Er beeinflusst direkt:
- Leitungs- und Trafobelastungen
- Spannungsband
- Netzverluste
- Ausbauprioritäten
Der NVP ist damit ein zentraler Eingangswert für Netzstudien und die Netzplanung.
3. Kostenzuordnung für Netzanschlüsse
Der Netzverknüpfungspunkt hat eine klare kostenrelevante Bedeutung:
- Bis zum NVP trägt der Netzbetreiber die Kosten notwendiger Maßnahmen.
- Ab dem NVP können Anschluss- oder Baukosten beim Antragsteller liegen.
4. Schnittstelle für Datenqualität
Gerade in Nieder- und Mittelspannungsnetzen ist eine hohe Datenqualität entscheidend. Ein präziser NVP setzt voraus, dass:
- Netzmodelle vollständig sind
- Betriebsmittel korrekt verortet sind
- Stammdaten konsistent gepflegt werden
Deshalb setzen Verteilnetzbetreiber zunehmend auf Anwendungen wie Online Monitoring und die Datenkonsistenzfunktionen der Intelligent Grid Platform (IGP).
Konkrete Beispiele für Netzverknüpfungspunkte
Wallbox-Anschluss
Eine Familie möchte eine 11-kW-Wallbox installieren.
Schritt 1: Anschlussort
Der Elektroinstallateur prüft den bestehenden Hausanschlusskasten (HAK).
Schritt 2: Prüfung durch den Netzbetreiber
Der Verteilnetzbetreiber führt eine Anschlussprüfung durch:
- Der Ortsnetztransformator verfügt über freie Leistung.
- Die Leitung ist ausreichend dimensioniert.
- Der bestehende NVP am HAK ist technisch geeignet.
Ergebnis: Der Netzverknüpfungspunkt bleibt der Hausanschlusskasten. Die Wallbox kann ohne Netzverstärkung installiert werden.
PV-Anlage mit 500 kWp
Ein Gewerbebetrieb plant eine 500-kWp-PV-Anlage.
Ergebnis der Netzprüfung:
- Das Niederspannungsnetz ist überlastet.
- Der Transformator hat keine ausreichende Reserve.
- Eine Einspeisung über den HAK ist nicht möglich.
Der nächstgelegene technisch geeignete Netzverknüpfungspunkt liegt in der Mittelspannung.
Konsequenz:
- Bau einer eigenen Übergabestation.
- Der NVP wird ein Mittelspannungsschaltfeld.
Zusammengefasst: Der Netzverknüpfungspunkt ist der zentrale Bezugspunkt jeder Anschlussprüfung und Netzverträglichkeitsbewertung. Er entscheidet, wo eine neue Anlage technisch und wirtschaftlich sinnvoll in das Stromnetz integriert werden kann.
Trivia
In Deutschland existieren rund 52 Millionen Netzanschlusspunkte (Stromzählpunkte).
Quelle: Bundesnetzagentur / Monitoringbericht Strom (jährlich veröffentlicht)
Wir erklären Ihnen die wichtigsten Fachbegriffe der Energiebranche.
Die Energiebranche ist generell erklärungsbedürftig. Von ADMS bis Zielnetzplanung - schon bald finden Sie hier alles auf einen Blick.
ADMS (Advanced Distribution Management System)
Ein Advanced Distribution Management System (ADMS) ist eine Softwareplattform, die verschiedene Netzmanagementsysteme wie DMS (Distribution Management System), SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition) und OMS (Outage Management System) kombiniert.
Digitaler Zwilling
Ein digitaler Zwilling ist eine virtuelle Nachbildung eines physischen Systems, das Echtzeitdaten und Simulationen nutzt, um Betriebsabläufe zu überwachen, zu analysieren oder zu optimieren. In der Energiebranche wird der digitale Zwilling unter anderem für die Modellierung von Stromnetzen und deren Betriebszuständen verwendet.
DMS (Distribution Management System)
Ein Distribution Management System (DMS) ist eine spezialisierte Softwarelösung zur Überwachung, Steuerung und Optimierung von Verteilnetzen in Echtzeit. Es wird von Verteilnetzbetreibern (DSOs) eingesetzt, um die Netzstabilität zu gewährleisten, Betriebsprozesse zu automatisieren.
LV SCADA - Niederspannungsnetze-Leitsystem
LV (Low Voltage) SCADA ist eine spezialisierte Version eines SCADA-Systems, die für die Überwachung und Steuerung von Niederspannungsnetzen (LV-Netzen) eingesetzt wird. Es ermöglicht Verteilnetzbetreibern eine präzisere Kontrolle und Analyse der Niederspannungsebene.
OMS (Outage Management System)
Ein Outage Management System (OMS) ist eine Softwarelösung, die Netzbetreiber bei der Erkennung, Analyse und Behebung von Stromausfällen unterstützt. Es verbessert die Effizienz der Störungsbearbeitung und trägt zur schnellen Wiederherstellung der Stromversorgung bei.
Redispatch 2.0: Neue Anforderungen und neue Chancen für Verteilnetzbetreiber
Redispatch 2.0 steht für die neuen Regelungen zum Umgang mit Engpässen im Stromnetz.
SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition)
Ein SCADA-System (Supervisory Control and Data Acquisition) ist eine Software- und Hardware-Lösung zur zentralen Überwachung und Steuerung technischer Prozesse in Energie-, Wasser-, Verkehrs- und Industriesystemen. Es ermöglicht die Erfassung, Verarbeitung und Visualisierung von Betriebsdaten in Echtzeit.
Thought Leadership
Co-Founder und CEO
Dr. Simon Koopmann
Sei es die erfolgreiche Integration von Wärmepumpen, die Automatisierung von Netzanschlussverfahren oder die Digitalisierung der Netzinfrastruktur. In Interviews mit Journalisten verschiedener Fach- und Wirtschaftsmedien, Branchen-Podcasts und Gastbeiträgen erläutert Dr. Koopmann, weshalb die Digitalisierung unserer Verteilnetze elementar für das Gelingen der Energiewende ist und wie diese erfolgreich realisiert werden kann.
Co-Founder und Vice President Product
Dr. Philipp Erlinghagen
Philipp ist leidenschaftlicher Produktleiter, Technologiemanager und Mitgründer von envelio. Seine Expertise liegt in den Bereichen Energieverteilung und Smart Grids sowie Produkt- und IT-Management. Er hat einen Doktortitel (Dr.-Ing.) in Elektrotechnik von der RWTH Aachen.
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