Glossar für Verteilnetzbetreiber
Das NO(X)VA-Prinzip ist die Weiterentwicklung des etablierten NOVA-Prinzips der Netzplanung um die Flexibilität. Es lautet: Netzoptimierung vor Flexibilität vor Verstärkung vor Ausbau. Netzausbau wird also erst dann umgesetzt, wenn die vorgelagerten Maßnahmen ausgeschöpft sind. Ziel ist ein bedarfsgerechter und wirtschaftlich effizienter Netzausbau.
Technische Hintergründe
Vom NOVA- zum NO(X)VA-Prinzip
Das NOVA-Prinzip – Netzoptimierung vor Verstärkung vor Ausbau – ist in der Netzplanung seit Langem etabliert. Es folgt einem einfachen wirtschaftlichen Gedanken: Bestehende Infrastruktur soll zuerst besser genutzt werden, bevor in neue investiert wird.
Das NO(X)VA-Prinzip ergänzt dieses Vorgehen um eine weitere Stufe: das X für Flexibilität. Hintergrund ist, dass steuerbare Verbrauchseinrichtungen, intelligente Messsysteme und flexible Netzanschlüsse in den vergangenen Jahren erst technisch und regulatorisch verfügbar geworden sind. Flexibilität ist damit zu einer eigenständigen Maßnahmenklasse geworden, die zwischen Optimierung und Verstärkung einzuordnen ist.
Wichtig für das Verständnis: Das NO(X)VA-Prinzip ist keine Abkehr vom NOVA-Prinzip, sondern dessen Erweiterung. Die Fragen, die sich in der praktischen Anwendung stellen, gab es beim NOVA-Prinzip bereits – Flexibilität macht sie lediglich sichtbarer und quantitativ bedeutsamer.
Die lineare Entscheidungslogik
In der klassischen Betrachtung – sowohl bei NOVA als auch bei NO(X)VA – wird jedes Netzgebiet für sich analysiert und eine feste Reihenfolge eingehalten: optimieren, flexibilisieren, verstärken, ausbauen. Jeder Schritt wird erst betrachtet, wenn der vorherige vollständig ausgeschöpft ist.
Diese Logik hat klare Vorteile: Sie ist einfach, nachvollziehbar und gut dokumentierbar. Für lange Zeit war sie in der Verteilnetzplanung auch ausreichend.


Warum die lineare Logik in der Praxis an Grenzen stößt
Netzgebiete lassen sich nicht isoliert betrachten, weil Entscheidungen in einem Gebiet die Handlungsspielräume in einem anderen verändern. Dazu kommen drei Faktoren, die eine strikt sequenzielle Abarbeitung erschweren:
- Wechselwirkungen zwischen Netzgebieten: Eine Maßnahme in einem Netzabschnitt verschiebt Lastflüsse und damit die Kritikalität in benachbarten Abschnitten.
- Begrenzte Budgets: Die Mittel für Maßnahmen stehen nicht je Netzgebiet, sondern für das gesamte Netzgebiet zur Verfügung und konkurrieren miteinander.
- Zeitliche Abhängigkeiten: Kurzfristige, mittelfristige und langfristige Lösungen müssen gleichzeitig betrachtet werden.
Typischerweise sind dabei drei Zeithorizonte parallel relevant: die aktuelle Netzsituation im Betrieb, absehbare Entwicklungen über Wochen bis Monate im Planungszustand und die strategische Zielnetzplanung über einen Horizont von bis zu 20 Jahren.
Hinzu kommt, dass die Maßnahmenklassen in der Praxis parallel verfügbar sind. Auch in der linearen Logik stehen sie grundsätzlich alle zur Verfügung – dort werden sie jedoch nacheinander und eskalierend angewendet. Tatsächlich unterscheiden sie sich aber erheblich in ihrem Verfügbarkeitszeitpunkt, in ihrer Wirkung auf Netzengpässe und in ihrer Kostenbindung:
- Optimierungsmaßnahmen im Netzbetrieb
- Flexibilitäten, etwa über steuerbare Lasten, intelligente Messsysteme und Tarifanwendungsfälle (TAF)
- planerische Maßnahmen und Umschaltungen
- Netzverstärkung oder Netzausbau
Eine rein sequenzielle Abarbeitung führt deshalb selten zur wirtschaftlichsten Lösung für das gesamte Netzgebiet.
Die entscheidende Fragestellung im NO(X)VA-Kontext
In der Praxis verschiebt sich die Aufgabe von einer festen Reihenfolge hin zu einer Optimierungsaufgabe. Zwei Fragen treten an die Stelle des starren Entscheidungsbaums:
- Welche Maßnahme reduziert wann und wo wie viel Kritikalität im Netz?
- Wie viel Kritikalität muss zu welchem Zeitpunkt überhaupt gelöst werden?
Die zweite Frage ist die anspruchsvollere, weil sie eine Bewertung voraussetzt, welche Netzzustände tatsächlich unzulässig sind und welche vorübergehend hinnehmbar bleiben. Wie sich Kritikalität systematisch bewerten lässt, beschreibt der Use Case Kritikalitätsprüfung.
Welche Rolle digitale Netzmodelle und lernende Algorithmen spielen
Aufgrund dieser Komplexität lässt sich das NO(X)VA-Prinzip in großen Netzgebieten nicht mehr manuell und rein sequenziell anwenden. Stattdessen wird es über algorithmische Verfahren auf einem rechenfähigen Netzmodell umgesetzt, die verschiedene Maßnahmenkombinationen bewerten, zeitliche und räumliche Abhängigkeiten berücksichtigen und daraus Strategien für ganze Netzgebiete ableiten.
Die envelio App Zielnetzplanung kombiniert dafür heuristische Methoden mit technischen Simulationen. Ein KI-basierter Algorithmus analysiert erfolgreiche Netzausbaustrategien, erkennt Muster und Abhängigkeiten zwischen Maßnahmen und generiert mit jeder Iteration präzisere Lösungsvorschläge. Eine lernbasierte Wahrscheinlichkeitsverteilung sorgt dafür, dass nur technisch und wirtschaftlich vielversprechende Optionen simuliert und validiert werden – das hält den Rechenaufwand auch bei großen Netzgebieten beherrschbar.
Relevanz für Verteilnetzbetreiber
Vom starren Entscheidungsbaum zur Optimierungsaufgabe
Für Verteilnetzbetreiber bedeutet das NO(X)VA-Prinzip in seiner heutigen Anwendung einen Rollenwechsel: Es ist keine statische Entscheidungsregel mehr, die abgearbeitet wird, sondern eine Optimierungsaufgabe, die über Netzgebiete und Zeithorizonte hinweg gelöst werden muss.
Warum Automatisierung dafür Voraussetzung ist
Eine NO(X)VA-basierte Bewertung ist nur dann praktikabel, wenn die zugrunde liegenden Netzbewertungen automatisiert ablaufen. Dass das funktioniert, zeigt sich bereits in angrenzenden Prozessen: Bei der Avacon Netz GmbH werden nach Angaben von Dr. Manuel Geiger, Senior Manager Data & AI, rund 60 Prozent der Einspeiseranfragen in der Niederspannung ohne manuelles Eingreifen abgearbeitet. Dieselbe Logik aus standardisierter Bewertung und automatisierter Berechnung ist die Grundlage dafür, Maßnahmenportfolios im NO(X)VA-Kontext überhaupt vergleichen zu können.
Bestehende Netze besser ausnutzen
Durch die systematische Bewertung aller Maßnahmenklassen vor dem Ausbau lassen sich bestehende Netze höher auslasten und unnötige Ausbaukosten vermeiden. Genau das ist der wirtschaftliche Kern des Prinzips: Jede Kilowattstunde Übertragungskapazität, die durch Optimierung oder Flexibilität nutzbar gemacht wird, muss nicht durch Kupfer erschlossen werden.
Umgang mit der steigenden Komplexität der Energiewende
Der parallele Zubau von PV-Anlagen, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur führt zu einer Vielzahl gleichzeitig wirkender Einflussfaktoren. Diese lassen sich nicht mehr einzeln bewerten, sondern nur noch im Gesamtbild eines Netzgebiets – über mehrere Stützjahre hinweg.
Grundlage für Zielnetzplanung und Netzausbaupläne nach § 14d EnWG
Das NO(X)VA-Prinzip ist die methodische Basis für die Entwicklung langfristiger Zielnetze, für fundierte Investitionsentscheidungen und für eine transparente Priorisierung von Maßnahmen. Damit ist es zugleich ein Baustein für die Erfüllung regulatorischer Vorgaben: § 14d EnWG verpflichtet Verteilnetzbetreiber zur Erstellung von Netzausbauplänen, für die der Ausbaubedarf vorausschauend ermittelt und der Einsatz von Flexibilitäten geprüft werden muss.
Häufige Fragen zum NO(X)VA-Prinzip
Wofür steht das X im NO(X)VA-Prinzip?
Das X steht für Flexibilität. Es ergänzt das klassische NOVA-Prinzip um eine eigene Maßnahmenklasse zwischen Netzoptimierung und Netzverstärkung: Netzoptimierung vor Flexibilität vor Verstärkung vor Ausbau.
Was ist der Unterschied zwischen NOVA und NO(X)VA?
Das NOVA-Prinzip kennt drei Stufen: Netzoptimierung vor Verstärkung vor Ausbau. Das NO(X)VA-Prinzip erweitert es um die Flexibilität als vierte Maßnahmenklasse. Es ist damit keine Abkehr vom NOVA-Prinzip, sondern dessen Fortschreibung unter den Bedingungen steuerbarer Verbrauchseinrichtungen und intelligenter Messsysteme.
Gilt das NO(X)VA-Prinzip auch im Verteilnetz?
Ja. Gerade im Verteilnetz gewinnt es an Bedeutung, weil dort der Zubau von PV-Anlagen, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur die größten Kapazitätsengpässe erzeugt und Flexibilitäten über steuerbare Verbrauchseinrichtungen breit verfügbar werden.
Warum reicht eine rein sequenzielle Anwendung nicht aus?
Weil Netzgebiete sich gegenseitig beeinflussen, Budgets über Gebiete hinweg konkurrieren und Maßnahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten verfügbar werden. Eine Maßnahme, die in einem Gebiet isoliert betrachtet die günstigste wäre, kann im Gesamtbild eines Netzgebiets die teurere Variante sein.
Wir erklären Ihnen die wichtigsten Fachbegriffe der Energiebranche.
Die Energiebranche ist generell erklärungsbedürftig. Von ADMS bis Zielnetzplanung - schon bald finden Sie hier alles auf einen Blick.
ADMS (Advanced Distribution Management System)
Ein Advanced Distribution Management System (ADMS) ist eine Softwareplattform, die verschiedene Netzmanagementsysteme wie DMS (Distribution Management System), SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition) und OMS (Outage Management System) kombiniert.
Digitaler Zwilling
Ein digitaler Zwilling ist eine virtuelle Nachbildung eines physischen Systems, das Echtzeitdaten und Simulationen nutzt, um Betriebsabläufe zu überwachen, zu analysieren oder zu optimieren. In der Energiebranche wird der digitale Zwilling unter anderem für die Modellierung von Stromnetzen und deren Betriebszuständen verwendet.
DMS (Distribution Management System)
Ein Distribution Management System (DMS) ist eine spezialisierte Softwarelösung zur Überwachung, Steuerung und Optimierung von Verteilnetzen in Echtzeit. Es wird von Verteilnetzbetreibern (DSOs) eingesetzt, um die Netzstabilität zu gewährleisten, Betriebsprozesse zu automatisieren.
LV SCADA - Niederspannungsnetze-Leitsystem
LV (Low Voltage) SCADA ist eine spezialisierte Version eines SCADA-Systems, die für die Überwachung und Steuerung von Niederspannungsnetzen (LV-Netzen) eingesetzt wird. Es ermöglicht Verteilnetzbetreibern eine präzisere Kontrolle und Analyse der Niederspannungsebene.
OMS (Outage Management System)
Ein Outage Management System (OMS) ist eine Softwarelösung, die Netzbetreiber bei der Erkennung, Analyse und Behebung von Stromausfällen unterstützt. Es verbessert die Effizienz der Störungsbearbeitung und trägt zur schnellen Wiederherstellung der Stromversorgung bei.
Redispatch 2.0: Neue Anforderungen und neue Chancen für Verteilnetzbetreiber
Redispatch 2.0 steht für die neuen Regelungen zum Umgang mit Engpässen im Stromnetz.
SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition)
Ein SCADA-System (Supervisory Control and Data Acquisition) ist eine Software- und Hardware-Lösung zur zentralen Überwachung und Steuerung technischer Prozesse in Energie-, Wasser-, Verkehrs- und Industriesystemen. Es ermöglicht die Erfassung, Verarbeitung und Visualisierung von Betriebsdaten in Echtzeit.
Thought Leadership
Co-Founder und CEO
Dr. Simon Koopmann
Sei es die erfolgreiche Integration von Wärmepumpen, die Automatisierung von Netzanschlussverfahren oder die Digitalisierung der Netzinfrastruktur. In Interviews mit Journalisten verschiedener Fach- und Wirtschaftsmedien, Branchen-Podcasts und Gastbeiträgen erläutert Dr. Koopmann, weshalb die Digitalisierung unserer Verteilnetze elementar für das Gelingen der Energiewende ist und wie diese erfolgreich realisiert werden kann.
Co-Founder und Vice President Product
Dr. Philipp Erlinghagen
Philipp ist leidenschaftlicher Produktleiter, Technologiemanager und Mitgründer von envelio. Seine Expertise liegt in den Bereichen Energieverteilung und Smart Grids sowie Produkt- und IT-Management. Er hat einen Doktortitel (Dr.-Ing.) in Elektrotechnik von der RWTH Aachen.
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