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    DataFleX: Wie das Flexband day-ahead sektorgekoppelte Flexibilität netzfreundlich macht

    DataFleX: Wie das Flexband day-ahead sektorgekoppelte Flexibilität netzfreundlich macht
    11:16

    Im Forschungsprojekt DataFleX werden zwei Dinge zusammengebracht: Zum einen wird erprobt, wie sich dezentrale Kleinstflexibilitäten aus Haushalten für das Netz nutzbar machen lassen. Zum anderen wird untersucht, wie der dafür nötige Datenaustausch über Sektorgrenzen (Strom, Wärme, Mobilität) hinweg funktioniert.

    envelio berechnet dafür – unter Berücksichtigung verschiedener Parameter, u. a. Mess- und Wetterdaten – über die Intelligent Grid Platform (IGP) das Flexband day-ahead für die relevanten Teilnehmer im Pilotnetz und liefert damit den netzfreundlichen Rahmen, innerhalb dessen Marktakteure Flexibilität frei optimieren können.

    Für envelio dient DataFleX dabei als Realitätscheck und Beschleuniger, um die IGP zu einer skalierbaren und regulatorisch kompatiblen §14c-EnWG-Lösung weiterzuentwickeln.

    Dieser Beitrag ordnet ein, welches Problem DataFleX adressiert, wie das Flexband-Prinzip funktioniert und warum es ein zentraler Baustein für die praktische Umsetzung von §14c EnWG ist.

    Warum Flexibilität ohne Netzbezug zum Risiko wird

    Mit dem Zubau von Photovoltaik, Wärmepumpen und Elektromobilität entsteht in den Verteilnetzen enorm viel Potenzial für steuerbare Flexibilität auf Haushaltsebene, verteilt über tausende Teilnehmer. Diese Flexibilität ist für das Energiesystem wertvoll: Sie kann Erzeugungsspitzen abfedern, Lasten verschieben und Marktsignalen folgen.

    Das Problem: Wenn viele dezentrale Anlagen gleichzeitig demselben Marktsignal folgen – etwa günstigem Strom am Mittag oder in der Nacht – können daraus neue, gleichzeitige Lastspitzen entstehen, die genau die Niederspannungsnetze überlasten, über die diese Anlagen angeschlossen sind. Marktdienliches Verhalten kann so unbeabsichtigt netzschädlich werden. Damit Flexibilität im großen Maßstab nutzbar wird, braucht es einen Mechanismus, der Marktoptimierung und Netzsicherheit in Einklang bringt.

    Hinzu kommt: Kurative Direktsteuerung – etwa nach §14a EnWG – stößt an Grenzen. Werden regelmäßig direkte Eingriffe nötig, kann daraus eine Netzausbaupflicht entstehen. Ein präventiver, marktbasierter Rahmen wie das Flexband setzt genau hier an.

    Das Forschungsprojekt DataFleX

    DataFleX ist ein großangelegtes Forschungsprojekt mit drei Hauptzielen: Erstens sollen dezentrale Flexibilitäten digital ins Netz integriert werden. Zweitens ermöglicht ein sektorenübergreifender Datenaustausch, dezentrale Verbraucher und Speicher gezielt für die Netzstabilität zu nutzen. Zum ersten Mal verknüpft das Projekt dafür die bestehenden Datenökosysteme Energy Data-X und Catena-X. Und drittens wird erstmals Redispatch mit dezentralen Flexibilitäten im Echtzeit-Betrieb praktisch erprobt – mit einer Abrufleistung von 1 bis 10 MW.

    Erprobt wird dieser Ansatz in einem realen Pilotbetrieb von Juni 2026 bis Januar 2027. Der Gesamtpilot umfasst zwei Modellregionen in den Regelzonen von TenneT und TransnetBW. envelio ist als assoziierter Partner im Netzgebiet von Tennet und Avacon (Avacon Netz GmbH) beteiligt – gemeinsam mit Avacon, OLI Systems GmbH und einem weiteren Flexibility Service Provider. envelio bringt dabei die netzseitige Kernfunktion ein: die Berechnung der Flexbänder day-ahead für die relevanten Teilnehmer.

    So unterstützt envelio: Flexbänder day-ahead aus der IGP

    Ein Flexband gibt für den Folgetag vor, wie viel Leistung eine Messlokation über den Tagesverlauf netzfreundlich beziehen oder einspeisen darf – ein Rahmen mit einer oberen und einer unteren Grenze. Fachlich ist das Flexband nichts anderes als eine Hüllkurve – beide Begriffe beschreiben denselben netzfreundlichen Leistungskorridor. Bleiben die Teilnehmer innerhalb ihres Flexbands, werden lokale Netzengpässe vermieden.

    In DataFleX berechnet envelio diese Flexbänder day ahead über die IGP für die relevanten Teilnehmer im Netzgebiet von Avacon. Das Prinzip bringt Netzsicherheit und Marktoptimierung zusammen: Der Verteilnetzbetreiber definiert über das Flexband den netzfreundlichen Rahmen, und die Marktakteure – etwa Flexibilitätsdienstleister – können innerhalb dieses Rahmens frei optimieren, ohne die Netzstabilität zu gefährden. Der Netzbetreiber greift nicht in jede einzelne Anlage ein, sondern gibt nur die Leitplanken vor.

    Damit liefert envelio in DataFleX einen wichtigen netzseitigen Baustein: Ohne netzseitig berechnete Flexbänder gäbe es keinen abgesicherten Rahmen, innerhalb dessen Kleinstflexibilität marktbasiert und zugleich netzfreundlich aktiviert werden kann.

    Wie das Flexband entsteht: das KI-Prognosemodell hinter der IGP

    Das Flexband ist kein statischer Wert, sondern das Ergebnis einer Day-Ahead-Prognose. Grundlage ist ein KI-Prognosemodell, das envelio in der IGP je Netzstrang (Abgang) betreibt: Prognostiziert wird die erwartete Wirk- und Scheinleistung für den Folgetag – in 15-Minuten-Auflösung und unter möglicher Berücksichtigung der Prognoseunsicherheit. Aus diesen Prognosen wird anschließend das Flexband je Messlokation abgeleitet – ein zeitvariabler Leistungskorridor für Bezug und Einspeisung.

    Damit die Prognose belastbar ist, kombiniert das Modell mehrere Datenquellen: Metadaten des Netzes, Kalenderdaten, historische Messwerte sowie historische Wetterdaten inklusive Sonnenstand. Zum Einsatz kommen verschiedene Modelle, die Prognosen für gemessene sowie nicht gemessene Niederspannungsabgänge ermöglichen.

    Wird die Prognoseunsicherheit berücksichtigt, lässt sich zudem besser einschätzen, wie belastbar die Prognose in einer gegebenen Situation ist – eine wichtige Grundlage dafür, dass Netzbetreiber und Marktakteure dem Flexband vertrauen können.

    Wichtig für die Einordnung: Das Flexband wirkt präventiv und verlagert Eingriffe von der kurzfristigen Abregelung hin zur vorausschauenden Planung. Die kurativen Instrumente – die netzorientierte Steuerung nach §14a EnWG und die Regelungen nach §9 EEG – bleiben als Sicherheitsnetz für kritische Situationen erhalten.

    Warum das Flexband-Prinzip für §14c EnWG so relevant ist

    §14c EnWG zielt darauf, Netzengpässe präventiv über marktbasierte Flexibilität zu vermeiden, statt nur nachträglich einzugreifen. Genau das leistet das Flexband-Prinzip: Es verlagert die netzfreundliche Steuerung von der reaktiven Einzelanlagen-Regelung hin zu einer vorausschauenden, netzweiten Rahmensetzung. Für Verteilnetzbetreiber bedeutet das einen skalierbaren Weg, tausende dezentrale Teilnehmer netzfreundlich in den Markt einzubinden – ohne bei jedem Teilnehmer einzeln eingreifen zu müssen.

    Für envelio ist DataFleX damit mehr als ein Forschungsprojekt: Der reale Pilotbetrieb validiert die §14c-EnWG-bezogenen Fähigkeiten der IGP unter künftigen Markt-, Daten- und Regulierungsannahmen. Das Projekt dient somit als Realitätscheck und Beschleuniger, um die IGP zu einer skalierbaren und regulatorisch kompatiblen §14c-Lösung weiterzuentwickeln.

    Was DataFleX für die Praxis von §14c EnWG zeigt

    DataFleX bringt Übertragungsnetz-, Verteilnetzbetreiber, Marktteilnehmer und weitere Industriepartner in einem realen Setting zusammen und erprobt so einen §14c-EnWG-nahen Prozess unter praxisnahen Bedingungen. Für die Branche zeigt das Projekt, dass sich dezentrale Kleinstflexibilität und netzfreundliche Steuerung nicht ausschließen – vorausgesetzt, es gibt eine belastbare netzseitige Grundlage, die den zulässigen Rahmen day-Ahead definiert.

    Mehr als 100 Netzbetreiber in Deutschland und Europa setzen die IGP bereits im produktiven Betrieb ein. Projekte wie DataFleX helfen dabei, die Plattform gezielt auf die kommenden Anforderungen für das Flexibilitätsmanagement, wie aus §14c EnWG vorzubereiten – auch wenn die marktgestützte Flexibilitätsbeschaffung in der von §14c EnWG vorgesehenen Form bislang noch nicht angelaufen ist.

    Mehr zum Thema Flexibilität und §14c EnWG

    Wer tiefer in die regulatorischen Grundlagen einsteigen möchte, findet hier eine ausführliche Einordnung zu §14c EnWG. Einen fachlichen Überblick zum Flexband bietet zudem das VDE-FNN-Impulspapier zum Flexband.

    Häufig gestellte Fragen

    Was ist das DataFleX-Projekt?

    DataFleX ist ein großangelegtes Forschungsprojekt mit drei Hauptzielen: dezentrale Flexibilitäten digital ins Netz zu integrieren, über einen sektorenübergreifenden Datenaustausch dezentrale Verbraucher und Speicher gezielt für die Netzstabilität zu nutzen und erstmals Redispatch mit dezentralen Flexibilitäten im Echtzeit-Betrieb (Abrufleistung 1 bis 10 MW) zu erproben. Getestet wird das in einem realen Pilotbetrieb (Juni 2026 bis Januar 2027); für den sektorenübergreifenden Datenaustausch werden dabei die beiden bestehenden Datenräume Energy Data-X und Catena-X verknüpft.

    Was ist ein Flexband?

    Ein Flexband gibt für den Folgetag vor, wie viel Leistung eine Messlokation über den Tagesverlauf netzfreundlich beziehen oder einspeisen darf – ein Rahmen mit oberer und unterer Grenze. Bleiben die Teilnehmer innerhalb ihres Flexbands, wird das Ziel verfolgt, lokale Netzengpässe zu vermeiden. Innerhalb dieses Rahmens können Marktakteure Flexibilität frei optimieren.

    Welche Rolle übernimmt envelio in DataFleX?

    envelio ist assoziierter Partner und berechnet über die IGP die Flexbänder day-ahead für die relevanten Teilnehmer im Netzgebiet von Avacon. Diese Flexbänder bilden den netzfreundlichen Rahmen, innerhalb dessen Kleinstflexibilitäten marktbasiert aktiviert werden können.

    Wie hängt DataFleX mit §14c EnWG zusammen?

    DataFleX erprobt innerhalb des §14c-EnWG-Rahmen einen operativen Prozess. Das Flexband-Prinzip setzt den Kerngedanken von §14c EnWG um: Netzengpässe präventiv über einen marktbasierten, aber netzfreundlich abgesicherten Rahmen zu vermeiden, statt nachträglich in einzelne Anlagen einzugreifen.

    Wie unterscheidet sich der Flexband-Ansatz von der Steuerung nach §14a EnWG?

    Bei der netzorientierten Steuerung nach §14a EnWG greift der Netzbetreiber direkt in steuerbare Verbrauchseinrichtungen ein. Der Flexband-Ansatz wirkt dagegen präventiv: Der Netzbetreiber gibt Day-Ahead einen netzfreundlichen Leistungskorridor vor, innerhalb dessen Marktakteure Flexibilität frei optimieren. Ziel ist, Engpässe präventiv zu vermeiden und häufige direkte Eingriffe zu vermeiden.

    Gibt es bereits Ergebnisse aus DataFleX?

    DataFleX ist ein laufendes Forschungsprojekt. Erste Veröffentlichungen, etwa zum initialen Marktdesign und zur Vermeidung von Inc-Dec-Gaming (dem gezielten Ausnutzen von Rauf-/Runterregel-Preisen zulasten des Netzes), liegen bereits vor und fließen in den operativen Pilotbetrieb ein. Belastbare Ergebnisse aus dem laufenden operativen Betrieb selbst liegen dagegen noch nicht vor; im Vordergrund steht derzeit der reibungslose Betrieb im Pilotnetz.

    Dr.-Ing. Philipp Erlinghagen

    Über den Autor

    Dr.-Ing. Philipp Erlinghagen

    Als Mitgründer und VP Product von envelio schreibt Dr. Philipp Erlinghagen auf envelio.com darüber, wie aus wissenschaftlich fundierten Modellen praxistaugliche Softwareprodukte für Verteilnetzbetreiber entstehen. Erfahre mehr über den Autor.