Glossar für Verteilnetzbetreiber
Das Niederspannungsnetz (NS-Netz) dient der direkten Versorgung von Haushalten, Kleingewerbe und kleineren Verbrauchern.
Das Niederspannungsnetz (NS-Netz) bildet als Netzebene 7 die unterste Ebene der elektrischen Energieversorgung mit üblicherweise 400 V. Es dient der direkten Versorgung von Haushalten, Kleingewerbe und kleineren Verbrauchern.
In Deutschland umfasst die Niederspannungsebene Spannungen bis 1 kV, hauptsächlich das 400-V-Drehstromnetz sowie 230-V-Einphasenanschlüsse. Sie stellt den letzten Abschnitt der Versorgungskette zwischen Ortsnetzstation und Endverbraucher dar.
Technische Hintergründe
Das Niederspannungsnetz ist durch mehrere technische Besonderheiten gekennzeichnet:
1. Netzstruktur
- Überwiegend strahlenförmiger, seltener vermaschter Netzaufbau.
- Einspeisung über Ortsnetztransformatoren (z. B. 10 kV / 0,4 kV oder 20 kV / 0,4 kV).
- Stark variierende Netzlängen und Leitungsquerschnitte je nach Siedlungsstruktur.
2. Hohe Anzahl an Anschlussnehmern
- Höchste Anschlussstellendichte im gesamten Verteilnetz.
- Haushalte, Gewerbebetriebe, Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und dezentrale Erzeuger (PV-Anlagen).
3. Zunehmende Bidirektionalität
Durch den starken Ausbau dezentraler Erzeugung wird das Niederspannungsnetz zunehmend bidirektional:
- Energiefluss vom Netzbetreiber zum Kunden.
- Rückspeisung aus PV-Anlagen ins Netz.
Das führt zu neuen Anforderungen bei Spannungshaltung, Lastflussmanagement und Netzberechnung.
4. Sensibilität gegenüber Spannungs- und Kapazitätsgrenzen
Im Vergleich zu Mittel- und Hochspannungsnetzen ist das Niederspannungsnetz technisch stärker begrenzt:
- Höhere Leitungsverluste
- Schnellere Annäherung an thermische Grenzen
- Höhere Empfindlichkeit gegenüber Spannungsbandabweichungen
Insbesondere PV-Einspeisung zur Mittagszeit sowie Lastspitzen durch Wärmepumpen und Ladepunkte verschärfen diese Herausforderungen.
5. Geringere Mess- und Transparenzbasis
Traditionell besteht im Niederspannungsnetz nur eine geringe Echtzeittransparenz. Erst durch Stationsmessungen, intelligente Messsysteme und Anwendungen wie Online Monitoring wird eine detaillierte Netzzustandsschätzung möglich.
Relevanz für Verteilnetzbetreiber
Für Verteilnetzbetreiber ist das Niederspannungsnetz die am stärksten von der Energiewende betroffene Netzebene. Folgende Entwicklungen werden hier besonders deutlich:
1. Anstieg dezentraler Erzeugung
PV-Anlagen verursachen Rückspeisungen, Spannungsanhebungen und lokal stark unterschiedliche Einspeiseprofile.
2. Wärmewende
Wärmepumpen erhöhen insbesondere im Winter die Lastspitzen und führen zu neuen Gleichzeitigkeiten.
3. Elektromobilität
Ladepunkte verursachen punktuelle, kurzfristig sehr hohe Belastungen einzelner Leitungsabschnitte.
4. Zunehmende Netzengpässe
Viele Engpässe entstehen nicht im Mittelspannungsnetz, sondern im Niederspannungsnetz – häufig in einzelnen Straßenzügen oder Netzsträngen.
5. Hoher Automatisierungsbedarf
Manuelle Netzberechnungen sind bei tausenden Netzsträngen nicht mehr praktikabel. Daher gewinnt Automatisierung stark an Bedeutung, insbesondere bei:
- Automatisierter Anschlussprüfung (Connection Request)
- Online Connection Check (Kunden-Self-Service)
- Online Monitoring (Netzzustandsschätzung)
- Netzstudie (Szenarien für WP-, PV- und Ladepunkt-Zubau)
- Netzplanung (Netzverstärkung / Ausbauplanung)
6. Schlüsselrolle für Netzausbau- und Flexibilitätsstrategien
Auf Niederspannungsebene entscheidet sich:
- wo Netzausbau erforderlich ist,
- wo Flexibilitätsmaßnahmen wie §14a EnWG und steuerbare Verbrauchseinrichtungen helfen können,
- wie belastbar ein Netzgebiet unter zukünftigen Szenarien ist.
Trivia
Interessant: Die Stromnetze in Deutschland umfassen insgesamt rund 1,91 Millionen Kilometer und transportieren elektrische Energie vom Kraftwerk bis zum Endverbraucher.
Davon entfallen etwa 1,25 Millionen Kilometer auf das Niederspannungsnetz, während sich das Mittelspannungsnetz auf rund 530.000 Kilometer und das Hoch- bzw. Höchstspannungsnetz auf etwa 130.000 Kilometer erstreckt (Quelle: BDEW).
Damit das Stromnetz den wachsenden Energiebedarf und die zunehmende Anzahl dezentraler Einspeiser zukünftig bewältigen kann, muss seine Leistungsfähigkeit bis 2045 etwa verdoppelt werden.
Dazu sind nicht nur umfassende Aus- und Umbaumaßnahmen erforderlich, sondern ebenso die konsequente Einbindung moderner digitaler Technologien, die einen effizienteren und flexibleren Netzbetrieb ermöglichen.
Wir erklären Ihnen die wichtigsten Fachbegriffe der Energiebranche.
Die Energiebranche ist generell erklärungsbedürftig. Von ADMS bis Zielnetzplanung - schon bald finden Sie hier alles auf einen Blick.
ADMS (Advanced Distribution Management System)
Ein Advanced Distribution Management System (ADMS) ist eine Softwareplattform, die verschiedene Netzmanagementsysteme wie DMS (Distribution Management System), SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition) und OMS (Outage Management System) kombiniert.
Digitaler Zwilling
Ein digitaler Zwilling ist eine virtuelle Nachbildung eines physischen Systems, das Echtzeitdaten und Simulationen nutzt, um Betriebsabläufe zu überwachen, zu analysieren oder zu optimieren. In der Energiebranche wird der digitale Zwilling unter anderem für die Modellierung von Stromnetzen und deren Betriebszuständen verwendet.
DMS (Distribution Management System)
Ein Distribution Management System (DMS) ist eine spezialisierte Softwarelösung zur Überwachung, Steuerung und Optimierung von Verteilnetzen in Echtzeit. Es wird von Verteilnetzbetreibern (DSOs) eingesetzt, um die Netzstabilität zu gewährleisten, Betriebsprozesse zu automatisieren.
LV SCADA - Niederspannungsnetze-Leitsystem
LV (Low Voltage) SCADA ist eine spezialisierte Version eines SCADA-Systems, die für die Überwachung und Steuerung von Niederspannungsnetzen (LV-Netzen) eingesetzt wird. Es ermöglicht Verteilnetzbetreibern eine präzisere Kontrolle und Analyse der Niederspannungsebene.
OMS (Outage Management System)
Ein Outage Management System (OMS) ist eine Softwarelösung, die Netzbetreiber bei der Erkennung, Analyse und Behebung von Stromausfällen unterstützt. Es verbessert die Effizienz der Störungsbearbeitung und trägt zur schnellen Wiederherstellung der Stromversorgung bei.
Redispatch 2.0: Neue Anforderungen und neue Chancen für Verteilnetzbetreiber
Redispatch 2.0 steht für die neuen Regelungen zum Umgang mit Engpässen im Stromnetz.
SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition)
Ein SCADA-System (Supervisory Control and Data Acquisition) ist eine Software- und Hardware-Lösung zur zentralen Überwachung und Steuerung technischer Prozesse in Energie-, Wasser-, Verkehrs- und Industriesystemen. Es ermöglicht die Erfassung, Verarbeitung und Visualisierung von Betriebsdaten in Echtzeit.
Thought Leadership
Co-Founder und CEO
Dr. Simon Koopmann
Sei es die erfolgreiche Integration von Wärmepumpen, die Automatisierung von Netzanschlussverfahren oder die Digitalisierung der Netzinfrastruktur. In Interviews mit Journalisten verschiedener Fach- und Wirtschaftsmedien, Branchen-Podcasts und Gastbeiträgen erläutert Dr. Koopmann, weshalb die Digitalisierung unserer Verteilnetze elementar für das Gelingen der Energiewende ist und wie diese erfolgreich realisiert werden kann.
Co-Founder und Vice President Product
Dr. Philipp Erlinghagen
Philipp ist leidenschaftlicher Produktleiter, Technologiemanager und Mitgründer von envelio. Seine Expertise liegt in den Bereichen Energieverteilung und Smart Grids sowie Produkt- und IT-Management. Er hat einen Doktortitel (Dr.-Ing.) in Elektrotechnik von der RWTH Aachen.
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