Glossar für Verteilnetzbetreiber
Ein Bilanzkreis fasst Einspeise- und Entnahmestellen innerhalb einer Regelzone zu einem virtuellen Energiekonto zusammen.
Wie Strommengen bilanziert werden – und was das für Verteilnetzbetreiber bedeutet
Ein Bilanzkreis fasst Einspeise- und Entnahmestellen innerhalb einer Regelzone zu einem virtuellen Energiekonto zusammen. Er bildet Energiemengen bilanziell ab – nicht den physikalischen Zustand des Stromnetzes.
Was ist ein Bilanzkreis?
Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Energiekonto, auf dem eingespeiste und entnommene Strommengen innerhalb einer Regelzone gegenübergestellt werden. Er ist kein physikalisches Netzgebiet, sondern ein bilanzielles Konstrukt der deutschen Energiewirtschaft. Zusammengefasst werden Einspeisestellen – etwa Windparks oder PV-Anlagen – und Entnahmestellen wie Haushalte, Gewerbebetriebe oder Industriekunden, ergänzt um die Energieaustausche mit anderen Bilanzkreisen.
Innerhalb eines Bilanzkreises müssen Einspeisung und Entnahme nicht physikalisch übereinstimmen. Entscheidend ist der Fahrplan: Der Bilanzkreisverantwortliche meldet für jede Viertelstunde eine ausgeglichene Planung, in der Einspeisung, Entnahme und die geplanten Energieaustausche mit anderen Bilanzkreisen in Summe null ergeben. Ein reines Lieferantenportfolio ohne eigene Erzeugung gleicht seinen Bilanzkreis deshalb über Zukäufe aus anderen Bilanzkreisen aus.
Der physikalische Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch findet dagegen eine Ebene höher statt – in der gesamten Regelzone. Dort sorgt der Übertragungsnetzbetreiber mit Regelleistung dafür, dass sich Erzeugung und Verbrauch jederzeit die Waage halten.
Weicht die tatsächlich gemessene Bilanz eines Bilanzkreises vom angemeldeten Fahrplan ab, entsteht eine Bilanzkreisabweichung. Diese Abweichung wird über Ausgleichsenergie abgerechnet.
Rechtlich ist der Bilanzkreis im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) in § 3 Nummer 21 definiert. Auch im Gasmarkt existieren Bilanzkreise, dort gelten jedoch abweichende Regeln und Bilanzierungsintervalle. Dieser Artikel behandelt ausschließlich den Strombereich.
Wer ist Bilanzkreisverantwortlicher?
Jeder Bilanzkreis hat genau einen Bilanzkreisverantwortlichen (BKV), der gegenüber dem Übertragungsnetzbetreiber für den fahrplanmäßigen Ausgleich seines Bilanzkreises einsteht. Grundlage ist ein Bilanzkreisvertrag mit dem Übertragungsnetzbetreiber der jeweiligen Regelzone, der in dieser Rolle als Bilanzkreiskoordinator auftritt.
Typische Bilanzkreisverantwortliche sind Stromlieferanten, Energiehändler, Direktvermarkter erneuerbarer Energien und Betreiber großer Erzeugungsanlagen. Auch Verteilnetzbetreiber führen eigene Bilanzkreise für klar abgegrenzte Zwecke – dazu weiter unten mehr.
Die operative Aufgabe des Bilanzkreisverantwortlichen ist das Fahrplanmanagement: Für jede Viertelstunde meldet der Bilanzkreisverantwortliche an, welche Energiemengen zwischen seinem Bilanzkreis und anderen Bilanzkreisen ausgetauscht werden.
Diese Fahrpläne werden day-ahead angemeldet und können im Intraday-Handel angepasst werden. Die Gesamtheit dieser Aufgaben – Prognose, Beschaffung, Fahrplananmeldung und Abrechnung – wird in der Energiewirtschaft als Bilanzkreismanagement bezeichnet.
Was ist Ausgleichsenergie und wie wird sie abgerechnet?
Ausgleichsenergie ist die Energiemenge, die zwischen dem angemeldeten Fahrplan und der tatsächlichen Bilanz eines Bilanzkreises ausgeglichen werden muss. Sie entsteht, wenn Prognose und Realität auseinanderfallen – etwa, wenn die Einspeisung eines Windparks hinter der Prognose zurückbleibt oder der Verbrauch eines Lieferantenportfolios höher ausfällt als erwartet.
Der Übertragungsnetzbetreiber gleicht diese Abweichung physikalisch über Regelleistung aus und rechnet sie anschließend mit dem Bilanzkreisverantwortlichen ab. Je nach Richtung der Abweichung und Vorzeichen des Preises entsteht daraus eine Forderung oder eine Gutschrift. Der Preis ist in Deutschland regelzonenübergreifend einheitlich und wird als regelzonenübergreifender einheitlicher Bilanzausgleichsenergiepreis (reBAP) bezeichnet.
Die Abrechnung der Bilanzkreise erfolgt nach den von der Bundesnetzagentur festgelegten Marktregeln für die Bilanzkreisabrechnung Strom (MaBiS). Mit dem laufenden Festlegungsverfahren (BK6-24-210) zur Einführung eines zentralen MaBiS-Hubs treibt die Bundesnetzagentur zudem die schrittweise Transformation hin zu einer zentralisierten Plattformarchitektur für die Messwertverarbeitung und Abrechnung voran.
Weil Ausgleichsenergie teuer werden kann, ist eine präzise Prognose der zentrale wirtschaftliche Hebel im Bilanzkreismanagement.
Welche Bilanzkreise führen Verteilnetzbetreiber selbst?
Verteilnetzbetreiber sind an zwei Stellen unmittelbar in die Bilanzierung eingebunden, auch wenn Bilanzkreismanagement nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört.
Der Netzverlustbilanzkreis bildet die physikalischen Verluste im Netzgebiet ab. Ein Teil der eingespeisten Energie geht in Leitungen und Transformatoren als Wärme verloren. Diese Verlustenergie muss der Verteilnetzbetreiber beschaffen und bilanziell führen.
Der Differenzbilanzkreis fängt die Abweichung zwischen prognostizierter und tatsächlicher Entnahme im Bilanzierungsgebiet auf. Sie entsteht vor allem bei Kunden, die nach Standardlastprofilen abgerechnet werden: Der Lieferant bilanziert nach Profil, gemessen wird real. Die Differenz landet im Differenzbilanzkreis des Verteilnetzbetreibers, der in seinem Netzgebiet als Bilanzierungsgebietsverantwortlicher auftritt.
Beide Aufgaben setzen belastbare Netz- und Messdaten voraus – und damit dieselbe Datengrundlage, die auch für Netzplanung und Netzbetrieb gebraucht wird.
Warum ein ausgeglichener Bilanzkreis keinen engpassfreien Netzbetrieb bedeutet
Ein Bilanzkreis kann fahrplanmäßig vollständig ausgeglichen sein, während im Verteilnetz gleichzeitig ein Betriebsmittel überlastet ist. Der Grund liegt in der Logik der Bilanzierung: Sie betrachtet Energiemengen innerhalb einer Regelzone so, als wäre das Netz eine widerstandsfreie Kupferplatte. Leitungslängen, Querschnitte, Transformatorleistungen und Spannungsgrenzen spielen in der Bilanz keine Rolle.
Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied: In einem Niederspannungsstrang speisen an einem sonnigen Mittag zahlreiche PV-Anlagen ein. Bilanziell ist alles in Ordnung, weil die erzeugte Energiemenge in der Regelzone verbraucht oder gehandelt wird. Physikalisch kann derselbe Strang zur gleichen Zeit die zulässige Spannungsgrenze überschreiten oder der Ortsnetztransformator seine thermische Grenze erreichen.
Für Verteilnetzbetreiber folgt daraus eine klare Trennung der Aufgaben. Die Bilanzierung beantwortet die Frage, ob Energiemengen kaufmännisch ausgeglichen sind. Die Netzführung beantwortet die Frage, ob die Betriebsmittel im zulässigen Bereich arbeiten. Beide Fragen brauchen unterschiedliche Daten, unterschiedliche Modelle und unterschiedliche Systeme.
Wo Bilanzierung und Netzführung sich berühren: §14a EnWG und Redispatch 2.0
Zwei regulatorische Prozesse verbinden die bilanzielle mit der physikalischen Sicht.
Bei der netzfreundlichen Steuerung nach §14a EnWG reduziert der Verteilnetzbetreiber die Leistung steuerbarer Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen oder Ladepunkte, um eine drohende Überlastung zu vermeiden. Der tatsächliche Verbrauch weicht in diesem Moment von der Prognose des Lieferanten ab – eine physikalisch motivierte Maßnahme mit bilanzieller Wirkung.
Bei Redispatch 2.0 greifen Netzbetreiber in die Einspeisung von Erzeugungsanlagen ein, um Netzengpässe zu beheben. Damit der betroffene Bilanzkreisverantwortliche durch diesen Eingriff nicht schlechter gestellt wird, sieht der Redispatch-2.0-Prozess neben dem finanziellen auch einen bilanziellen Ausgleich vor.
In beiden Fällen ist die Voraussetzung dieselbe: Der Verteilnetzbetreiber muss über eine Netzsimulation wissen, wo im Netz eine Überlastung droht, bevor er eingreift.
Wie ein genaues Netzmodell Verlustmengen und Prognosen verbessert
Netzverlustbilanzkreis und Differenzbilanzkreis haben eine gemeinsame Schwachstelle: Beide werden umso teurer, je ungenauer die zugrunde liegenden Mengen bestimmt sind. Genau hier zahlt ein belastbares Netzmodell auf das Bilanzkreismanagement eines Verteilnetzbetreibers ein.
Netzverluste werden in vielen Netzgebieten bis heute pauschal abgeschätzt, etwa als fester Prozentsatz der eingespeisten Energie. Mit einem rechenfähigen Netzmodell lassen sich die Verlustmengen stattdessen aus Lastflussberechnungen ermitteln – aufgelöst nach Spannungsebene, Betriebsmittel und Zeitpunkt. Für die Beschaffung im Netzverlustbilanzkreis entsteht dadurch eine deutlich genauere Grundlage.
Dasselbe Prinzip gilt für die Prognosequalität im Differenzbilanzkreis. Je vollständiger das Abbild des Netzes ist und je besser Messdaten aus Ortsnetzstationen und Smart Metern eingebunden sind, desto kleiner fällt die Abweichung zwischen prognostizierter und gemessener Entnahme aus – und damit die Menge an Ausgleichsenergie.
Die Intelligent Grid Platform (IGP) von envelio baut aus GIS-, Messdaten- und Anlagendaten einen digitalen Zwilling des Verteilnetzes auf und hält ihn aktuell. Über das Zeitreihen Control Center lassen sich Messdaten systematisch auswerten und für Berechnungen nutzbar machen.
Mehr als 100 Netzbetreiber in Deutschland und Europa – darunter Kunden in Tschechien, Finnland, Polen und der Schweiz – setzen die Intelligent Grid Platform bereits im produktiven Betrieb ein.
Häufige Fragen zum Bilanzkreis
Was ist ein Bilanzkreis einfach erklärt?
Ein Bilanzkreis ist ein virtuelles Energiekonto, auf dem ein Marktakteur seine eingespeisten und entnommenen Strommengen zusammenfasst. Der Bilanzkreisverantwortliche meldet für jede Viertelstunde einen ausgeglichenen Fahrplan, in dem Einspeisung, Entnahme und die Austausche mit anderen Bilanzkreisen in Summe null ergeben. Weicht die gemessene Realität vom Fahrplan ab, wird die Differenz als Ausgleichsenergie abgerechnet.
Muss ein Bilanzkreis physikalisch ausgeglichen sein?
Nein. Innerhalb eines Bilanzkreises müssen Einspeisung und Entnahme nicht übereinstimmen – ein reines Lieferantenportfolio ohne eigene Erzeugung ist bilanziell völlig regulär und gleicht sich über Zukäufe aus anderen Bilanzkreisen aus. Verpflichtend ist allein ein ausgeglichener Fahrplan. Der physikalische Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch erfolgt eine Ebene höher in der Regelzone, wo der Übertragungsnetzbetreiber Regelleistung einsetzt.
Was ist der Unterschied zwischen Bilanzkreis und Regelzone?
Eine Regelzone ist das physikalische Netzgebiet eines Übertragungsnetzbetreibers, in dem dieser für die Systemstabilität verantwortlich ist. Ein Bilanzkreis ist dagegen eine rein rechnerische Zusammenfassung von Einspeise- und Entnahmestellen innerhalb einer Regelzone. In einer Regelzone existieren viele Bilanzkreise.
Was ist ein Sub-Bilanzkreis?
Ein Sub-Bilanzkreis – auch Unterbilanzkreis genannt – ist ein Bilanzkreis, der einem übergeordneten Bilanzkreis zugeordnet ist. Bilanzkreisverantwortliche nutzen Sub-Bilanzkreise, um Portfolios getrennt abzubilden, etwa nach Kundengruppen oder Erzeugungsarten. Die Verantwortung gegenüber dem Übertragungsnetzbetreiber bleibt beim übergeordneten Bilanzkreis.
Wer trägt die Kosten für Ausgleichsenergie?
Die Kosten für Ausgleichsenergie trägt der Bilanzkreisverantwortliche, dessen Bilanzkreis vom angemeldeten Fahrplan abgewichen ist. Abgerechnet wird zum regelzonenübergreifenden einheitlichen Bilanzausgleichsenergiepreis (reBAP). Wirkt die Abweichung dem Systemungleichgewicht entgegen, kann daraus auch eine Gutschrift entstehen.
Brauchen Verteilnetzbetreiber einen eigenen Bilanzkreis?
Ja. Verteilnetzbetreiber führen mindestens einen Netzverlustbilanzkreis für die physikalischen Verluste in ihrem Netzgebiet sowie einen Differenzbilanzkreis für Abweichungen zwischen Standardlastprofilen und gemessenem Verbrauch.
Verhindert ein ausgeglichener Bilanzkreis Netzengpässe?
Nein. Die Bilanzierung betrachtet Energiemengen innerhalb einer Regelzone ohne Berücksichtigung der Netztopologie. Ein Bilanzkreis kann fahrplanmäßig ausgeglichen sein, während lokal ein Ortsnetztransformator überlastet ist oder eine Spannungsgrenze überschritten wird. Netzengpässe werden ausschließlich über die physikalische Netzberechnung erkannt.
Stand der regulatorischen Angaben: September 2026. Regelwerke und Festlegungen der Bundesnetzagentur zur Bilanzkreisabrechnung werden regelmäßig angepasst.
Wir erklären Ihnen die wichtigsten Fachbegriffe der Energiebranche.
Die Energiebranche ist generell erklärungsbedürftig. Von ADMS bis Zielnetzplanung - schon bald finden Sie hier alles auf einen Blick.
ADMS (Advanced Distribution Management System)
Ein Advanced Distribution Management System (ADMS) ist eine Softwareplattform, die verschiedene Netzmanagementsysteme wie DMS (Distribution Management System), SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition) und OMS (Outage Management System) kombiniert.
Digitaler Zwilling
Ein digitaler Zwilling ist eine virtuelle Nachbildung eines physischen Systems, das Echtzeitdaten und Simulationen nutzt, um Betriebsabläufe zu überwachen, zu analysieren oder zu optimieren. In der Energiebranche wird der digitale Zwilling unter anderem für die Modellierung von Stromnetzen und deren Betriebszuständen verwendet.
DMS (Distribution Management System)
Ein Distribution Management System (DMS) ist eine spezialisierte Softwarelösung zur Überwachung, Steuerung und Optimierung von Verteilnetzen in Echtzeit. Es wird von Verteilnetzbetreibern (DSOs) eingesetzt, um die Netzstabilität zu gewährleisten, Betriebsprozesse zu automatisieren.
LV SCADA - Niederspannungsnetze-Leitsystem
LV (Low Voltage) SCADA ist eine spezialisierte Version eines SCADA-Systems, die für die Überwachung und Steuerung von Niederspannungsnetzen (LV-Netzen) eingesetzt wird. Es ermöglicht Verteilnetzbetreibern eine präzisere Kontrolle und Analyse der Niederspannungsebene.
OMS (Outage Management System)
Ein Outage Management System (OMS) ist eine Softwarelösung, die Netzbetreiber bei der Erkennung, Analyse und Behebung von Stromausfällen unterstützt. Es verbessert die Effizienz der Störungsbearbeitung und trägt zur schnellen Wiederherstellung der Stromversorgung bei.
Redispatch 2.0: Neue Anforderungen und neue Chancen für Verteilnetzbetreiber
Redispatch 2.0 steht für die neuen Regelungen zum Umgang mit Engpässen im Stromnetz.
SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition)
Ein SCADA-System (Supervisory Control and Data Acquisition) ist eine Software- und Hardware-Lösung zur zentralen Überwachung und Steuerung technischer Prozesse in Energie-, Wasser-, Verkehrs- und Industriesystemen. Es ermöglicht die Erfassung, Verarbeitung und Visualisierung von Betriebsdaten in Echtzeit.
Thought Leadership
Co-Founder und CEO
Dr. Simon Koopmann
Sei es die erfolgreiche Integration von Wärmepumpen, die Automatisierung von Netzanschlussverfahren oder die Digitalisierung der Netzinfrastruktur. In Interviews mit Journalisten verschiedener Fach- und Wirtschaftsmedien, Branchen-Podcasts und Gastbeiträgen erläutert Dr. Koopmann, weshalb die Digitalisierung unserer Verteilnetze elementar für das Gelingen der Energiewende ist und wie diese erfolgreich realisiert werden kann.
Co-Founder und Vice President Product
Dr. Philipp Erlinghagen
Philipp ist leidenschaftlicher Produktleiter, Technologiemanager und Mitgründer von envelio. Seine Expertise liegt in den Bereichen Energieverteilung und Smart Grids sowie Produkt- und IT-Management. Er hat einen Doktortitel (Dr.-Ing.) in Elektrotechnik von der RWTH Aachen.
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